Der Vision atomtechnischer Verheißungen gefolgt: Von der Euphorie zu ersten Protesten – die zivile Nutzung der Kernkraft in Deutschland seit den 1950er Jahren
Apr 28th, 2011 | By Rolf-Jürgen Gleitsmann | Category: Evolution, Sociohistorical analysis, TopicsAuthor
Rolf-Jürgen Gleitsmann Institut für Neuere-, Neueste- und Technikgeschichte, Karlsruher Institut für Technologie
E-Mail: rolf-juergen.gleitsmann@kit.edu
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Abstract English
In the 1950s, the nuclear age was announced and propagated worldwide as a future blessing for mankind. “Atoms for peace” was the promising slogan, indicating that Western industrial nations denying the atomic salvation would be seriously threatening their own and the whole West’s economic prosperity. West Germany heavily embraced this technological utopia and relied on the development of nuclear technology since the 1950s. Despite continuous grassroot protest especially in West Germany, this resulted in a path dependency of a technical momentum (Thomas P. Hughes) in the system of the large-scale energy production until today, which only might have come to an end as a result of Fukushima’s super meltdown.
Keywords
Atomeuphorie, Kernenergie, Atomzeitalter, Bürgerprotest, Atompolitik, Fukushima
Citation
Rolf-Jürgen Gleitsmann “Der Vision atomtechnischer Verheißungen gefolgt: Von der Euphorie zu ersten Protesten – die zivile Nutzung der Kernkraft in Deutschland seit den 1950er Jahren,” Journal of New Frontiers in Spatial Concepts, ISSN 1868-6648, vol.3 (2011), 17 – 26, Article ID http://ejournal.uvka.de/spatialconcepts/archives/1232, Pages:10


Wenn die Kernenergie in Deutschland durch die baden-württembergische Landtagswahl im März 2011 „abgewählt“ worden ist – was gewissermaßen in der Folge durch den ersten grünen Ministerpäsidenten symbolisch unterstrichen wäre – dann wird man in den katastrophalen Ereignissen in Fukushima kurz zuvor eine der wesentlichen Ursachen hierfür erkennen.
Doch keinesfalls vergessen darf man, wie Rolf-Jürgen Gleitsmann verdeutlicht, die anderen Bedingungen hierfür – an erster Stelle die seit langem gewachsene „Anti-Atom“-Graswurzelbewegung. Sie führte einerseits zur Bildung von Organisationen und zu politischem Engagement in den Institutionen, Parteien und Parlamenten der Bundesrepublik, aber auch zu massenhaften Protesten und Zivilem Ungehorsam, in letzter Zeit beispielsweise bei den Castor-Transporten. Erst durch die Organisation einer starken politischen Bewegung konnte die Kernenergie derart problematisiert und ins gesellschaftliche Bewusstsein gerufen werden, dass es durch das verheerende Unglück eines Kernkraftwerks im fernen Japan möglich erscheint die Energiepolitik Deutschlands entscheidend zu beeinflussen.
Mehr als deutlich wird dies, wenn man die entsprechenden Reaktionen auf die Ereignisse in anderen Ländern betrachtet: Zunächst in Japan selbst, in dem die Atomkraft als energetische Basis weiterhin gesellschaftlich nur von einer Minderheit in Zweifel gezogen wird, aber auch beispielsweise in Polen, wo der liberale Ministerpräsident Donald Tusk gerade im Angesicht der Katastrophe von Fukushima den Willen unterstrich, seinem Land den Weg in die Erzeugung von Kernenergie zu ebnen und es damit genau dem eine Eigendynamik entwickelnden „technischen Momentum“ zu unterwerfen, das Rolf-Jürgen Gleitsmann zitiert und am Beispiel der energietechnisch-politischen Entwicklungen der Bundesrepublik verdeutlicht.
Aus politisch-theoretischer Sicht kann man die Frage stellen, ob in Zivilem Ungehorsam mündender Protest gegen die Nutzung von Atomtechnologie im Militär- und Energiebereich – und damit diese politische Handlungsform insgesamt – widerspruchsfrei als Element unserer repräsentativen Demokratie angesehen werden kann. Und ob es damit möglich ist, den Teilerfolg der Anti-Atom-Bewegung in seiner Gänze als ein Beispiel für die Fähigkeit der politischen Ordnung zu betrachten, einen politischen Willen oder kritische Überlegungen, die nicht adäquat in den repräsentativen Institutionen vertreten zu sein scheinen, in den institutionellen politischen Entscheidungsprozess zu integrieren. Mit dieser Frage im Zusammenhang können Überlegungen dazu stehen, wie das Phänomen des so genannten „Wutbürgers“ – etwa im Rahmen des vor allem auch technisch kritisierten Bahnhofsprojekts „Stuttgart21“ – oder eine mögliche Verstärkung direktdemokratischer Elemente in unserer Gesellschaft zu beurteilen sind.