Formats

Mrz 14th, 2012 | By | Category: Posthuman age, Sociohistorical analysis, Topics

Authors

Ulrich Gehmann Institut für Geschichte, Arbeitskreis „Formatierung sozialer Räume“, Karlsruher Institut für Technologie, E-Mail: ugehm@t-online.de

Fulltext

Abstract English

In the following, a new conceptual framework for investigating nowadays‘ „technical“ phenomena shall be introduced, that of formats. The thesis is that processes of formatting account for our recent conditions of life, and will do so in the very next future. It are processes whose foundations have been laid in modernity and which will further unfold for the time being. These processes are embedded in the format of the value chain, a circumstance making them resilient to change. In addition, they are resilient in themselves since forming interconnected systems of reciprocal causal circuits.Which leads to an overall situation that our entire „Lebenswelt“ became formatted to an extent we don’t fully realize, even influencing our very percep-tion of it.

Keywords

Formats, Formatization, Value chaining, Colonization, Technicality

Citation

Ulrich Gehmann “Formats”, Journal of New Frontiers in Spatial Concepts, ISSN 1868-6648, vol. 4 (2012), 13-33, Article ID http://ejournal.uvka.de/spatialconcepts/archives/1494, Pages:  21

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  1. Ein sehr guter Beitrag, der eines der Grundprobleme der heutigen Zeit lebendig und von verschiedenen Perspektiven aus betrachtet. Die Frage stellt sich, inwieweit Formatierungsprozesse unser heutiges Leben in einem Ausmaß bestimmen, das uns noch gar nicht bewußt ist. In jedem Fall lohnt es sich, über die im Artikel gemachten Aussagen weiter nachzudenken.

  2. Der Artikel beinhaltet Gestaltungsprinzipien, die leider auch in der Stadtplanung Verwendung fanden, unter der Rubrik der „funktionalen“ Stadt; und bis heute finden, da sich die im Artikel beschriebene Ideologie der Funktionalisierung in der „investorgerechten“ Stadt wiederfindet. Zudem schlägt sich diese Ideologie in dem Denken nieder, daß die Stadt ein Produkt sei und demnach einem „Stadtmarketing“ unterworfen wird, das die Stadt nun zu „vermarkten“ habe. Es gibt dann verschiedene Städte nur noch als „Marken“ (also als Produkt), so, wie es Schuh- und andere Marken gibt.
    Als Mitarbeiter in der Stadtplanung erlebe ich solche Fälle täglich.

  3. Es ist Herrn Gehmanns Verdienst, auf die Auswüchse zu verweisen, zu denen die Möglichkeit der Schaffung virtueller Welten und die allgemeine Tendenz, alles und jeden zu formatieren, führen kann: dass unsere Welt hinter einer künstlichen, die wir selbst schaffen, verschwindet und mit ihr schließlich auch die Authentizität unseres Innenlebens (Gefühlswelten werden ja ebenfalls formatiert, siehe „Bauer sucht Frau“ usw.).
    Insofern ist sein Artikel eine ebenso wertvolle wie notwendige Bestandsaufnahme neuerer Entwicklungen, die, vom Technischen kommend, auf alle Bereiche des Lebens einschließlich des Sozialverhaltens übergreifen, und ich teile sein Unbehagen gegenüber dieser Entwicklung.
    Aber wo Gefahr ist, wächst bekanntlich das Rettende auch. Über den Unterschied von Schein und Sein dachten bereits die Alten Griechen in ihrem berühmten Höhlengleichnis nach; die Zweiteilung der Welt in eine „wirklich reale“, greifbare, und eine von Bildnissen gestaltete „Welt 2.0“ gibt es also, seitdem es Symbole gibt. Diese Zweiteilung und der Bau formatierter Wohnblocks ist es daher auch nicht, was mir Sorgen macht und was hoffentlich auch nicht Herrn Gehmanns Hauptsorge ist; sondern die Gefahr, dass am Ende die Alte Welt hinter World 2.0 nicht mehr wahrgenommen wird; und das scheint mir weniger ein Problem der Technik zu sein als vielmehr eine Frage des verantwortungsvollen Umgangs mit den Möglichkeiten, die sie bietet. So lange es Menschen gibt, die sich nicht mit dem Hinweisschild auf eine Sehenwürdigkeit zufrieden geben, sondern die Autobahn verlassen und sich die Sehenswürdigkeit in voller Lebensgröße betrachten, ist diese Alte Welt nicht verloren. Gleichwohl: In dieser Richtung weiterzuforschen ist in der Tat eine interessante Aufgabe. Es würde mich freuen, hierüber mehr aus der Feder des Verfassers zu lesen.

  4. Formatierungsprozesse beeinflussen uns als Individuuen in unserer täglichen Lebensrealität immens. Allerdings sind es viele (voneinander unabhängige wie abhängige) Einflussfaktoren, die am Ende zu einer Verschiebung unserer internalisierten Realitätswahrnehmung von der externen Welt hin in eine „formatierte“ und damit quasi gleichgeschalteten Welterfahrung führen. Wenn wir gedanklich vorerst zulassen, dass diese Einflussfaktoren auf unterschiedliche Teile unseres Lebens und Erlebens wirken, dann stellt sich die unmittelbare Frage, an welchen Stellen in der eigenen, persönlichen Entwicklung man auf Konflikte stößt, die durch die versuchte Verschmelzung zweier inkompatibler Formate entstehen. Selbst erleben kann man das Phänomen in jeder Situation, in der die eigene Erfahrung das Gegenteil von dem postuliert, was im gleichen Augenblick eintritt: Jene Aha-Momente, die uns immer wieder aufs Neue klarmachen, dass die Beeinflussung von Außen und die damit eventuell eingeleitete Formatierung eigentlich nichts anderes als ein Verlust von Freiheit ist, der mit dem Gewinn von Sicherheit durch Uniformität gepaart ist. Wenn wir also nun diese Aha-Momente analytisch auswerten wollen, bedarf es einer Formalisierung der Einflussfaktoren der Formatierungsprozesse. In meinen Augen ist die Entwicklung eines solchen Modells der logische nächste Schritt nach dieser sehr tiefgehenden Phänomenanalyse. Ohne Modell bleibt es ein abstraktes Phänomen.

  5. U. Gehmann arbeitet in seinem Beitrag ein neues sozio-kulturelles Konzept heraus, das „Format“ und den aktiven Vorgang des Formatierens bzw. der Formatierung. Diese integrieren soziale Beziehungen, wirtschaftliche und sonstige Aktivitäten in den sozio-kulturell-ökonomisch-technischen Kontext, dessen Rahmen lt. U. Gehmann die post-moderne, kapitalistische Gesellschaft bildet. Folge sind vielfältige Normierungen, nicht nur im Sinn von DIN (Deutsche Industrie-Norm) betreffend Industrieprodukte und sonstige materiellen Realisierungen (z.B. Städtebau…), sondern in immer weiter fortschreitendem Maße die ganze Gesellschaft betreffend, den Platz jedes Einzelnen in dieser Gesellschaft, sein Wirken und ebenso seine subjektive Wahrnehmung, fast sein ganzes Leben. Jeder wird Teil des Ganzen, muss sich an Formate anpassen, diese wiederum sich übergeordneten Formaten anpassen. So entsteht ein System aus sich gegenseitig formatierenden Formaten, in dem das Individuum Mensch nur noch das kleinste Teilchen ist, ein (noch) notwendiger Akteur im Ganzen. Zumindest in Weite und Auswirkung scheint das neu zu sein, und wohl nur wenige können sich dem entziehen.

    So habe ich das zumindest verstanden. Denn die Darstellung dieses Konzepts ist nicht einfach, vor Allem für einen Fachfremden wie mich. Dennoch wirkt es überzeugend. Und dieses Konzept überschneidet sich mit den Analysen anderer Autoren. Z.B. Myriam Meckel, Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen, kommt zu ähnlichen Schlüssen in Zusammenhang mit den modernen Kommunikationstechnologien, und diese dominieren in unseren fortgeschritten digitalisierten postindustriellen Gesellschaften, in denen Kommunikation und Vernetzung alles ist, und der Mensch bald nur noch durch diese „existiert“. Der Golem wird bei ihr zum Googlem. Diese Aspekte scheinen also vermehrt ins Blickfeld der Forscher zu geraten. Gott-sei-Dank, muss man sagen, denn es ist gut, diese sich verselbständigenden Prozesse vermehrt wahrzunehmen und darauf aufmerksam zu machen.

    Die beschriebene Situation gibt zu denken. Hat sich unsere doch angeblich so individualistische, egoistische Gesellschaft des Jeder-für-sich nicht unmerklich zu einer totalitären Welt entwickelt, die dem Einzelnen nur noch die Illusion seiner Individualität lässt? So wie unsere Regierungen nur noch beschränkte Entscheidungsfreiheiten haben angesichts des transnationalen, ja globalen Gesamtsystems. Sind wir nur noch Ameisen in unserem gesellschaftlichen System? (Womit ich diese Tiere nicht verunglimpfen möchte! Vielleicht haben sie uns viel voraus.) Wo bleibt hier der Mensch, „l’Homme“ mit großem H der französischen Philosophen? Ich, als überzeugter Individualist, werde nach dieser Lektüre meine Haltungen, mein Handeln, mein Konsumieren … auf jeden Fall noch kritischer hinterfragen, selbst auf die Gefahr hin, ein Außenseiter, ein Aussteiger, gar Aussätziger zu werden. Der geringste zu erwartende Vorwurf dürfte sein, ich sei konservativ oder gar reaktionär.

    Nun, Aussteigen ist dem Einzelnen möglich. Aber wie kann und sollte es weiter gehen mit dem Ganzen, mit unserer Gesellschaft, der Menschheit? Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen? Ist die Zuordnung der Formatisierung zum kapitalistischen System zwingend? Gibt es realistische Alternativen, nicht nur für den „Schrebergarten“ und ähnliche kleinwirtschaftliche Modelle, sondern auch im Rahmen der globalen Wirtschaft? …

    Dr.med. Martin Hermstrüwer
    Evilard, Schweiz

  6. Christoph Müller, Karlsruhe

    Zu Gehmann „Formats“ in Journal of New Frontiers in Spatial Concepts 4 (2012), 13-33

    Nach 3 Jahren meldet sich Gehmann erneut mit einem Artikel zum Thema „Formate“. Er beansprucht, mit diesem Begriff „a new conceptual frame“ vorzulegen, mit dem die technologiegetriebene Moderne besser verstanden werden könne.
    Der aus der Druck- und Bildtechnik stammende Begriff „Format“ hat inzwischen schon eine bemerkenswerte Popularisierungskarriere hinter sich. Nach „Sende-Formaten“ werden inzwischen auch Veranstaltungsformen wie Vortrag oder Podiumsdiskussion als Veranstaltungs-„Formate“ bezeichnet. Mit den elektronischen Textverarbeitungsprogrammen hat sich darüber hinaus das Verb „Formatieren“ verbreitet. Mit dieser Bezeichnung einer Handlung wird deutlich, dass etwas nicht von Natur aus in einem bestimmten Format existiert, sondern aktiv in ein solches gebracht werden muss. „Formatieren“ im Sinn von: in eine vorgegebene (häufig: normierte), wiederkehrende Form bringen, ist ein intentionale Handlung, der das Etwas unterworfen wird. Bei Gehmann sollen „Format“ bzw. „Formatieren“ nun zu einem Zentralbegriff soziokultureller Analyse modernitätsspezifischer Erscheinungen werden. In seinem Aufsatz vereinigen sich dabei zwei Tendenzen, nämlich

    1) Technik-, Kapitalismus- und Modernitätskritik, oder in aller Kürze: Kulturkritik; sowie
    2) der Versuch, mit „Formatization“ die Aufmerksamkeit zu richten auf gewisse Rückwirkungen technologisch, ökonomisch bzw. organisatorisch gesteuerter Prozesse auf den Menschen in Gestalt von „Habitualization“.

    Zu 1): Kulturkritik
    Den von Gehmann vorgetragenen Analysen ist nichts hinzuzufügen – bis auf die Bemerkung, dass die Diagnose von Rationalisierung, Funktionalisierung, Vernutzung, Abstraktheit, Standardisierung, Normierung, Massenproduktion, Individualisierung der Produkte, Konsumismus, Beschleunigung, Kolonialisierung der Lebenswelt nichts Neues ist. All das ist ebenso von politisch konservativer wie erst recht „von links“ diagnostiziert worden. Gleichwohl bleibt es sinnvoll, das individuelle „Unbehagen in der Kultur“ (Freud) als Motivation zu nutzen, die Ungeheuerlichkeit und auch die Gewalt des Prozesses, dem wir unterworfen sind, immer wieder zu verdeutlichen und hinsichtlich der modernen Medien weiterzuführen. Das Leiden an der „Entfremdung“ (Hegel/Marx), am „Prozess der Zivilisation“ (N. Elias) und an der Technisierung unserer Lebenswelt und nun auch Virtualisierung) ist ein Anlass, dieses immer stärker wissenschafts- und technologiegetriebene Geschehen mit den Ideologemen von Fortschritt, Freiheit und Selbstbestimmung zu konfrontieren. Wir sind frei und vor allem genötigt, alles mögliche zu wählen, aber die Alternativen sind weitgehend vorgegeben, und während die Möglichkeiten zuzunehmen scheinen, sind wir gleichzeitig von immer mehr Regeln, Institutionen, Technischem Gerät und institutionellen Abhängigkeiten umstellt. Wenn allerdings die Kapitalismus-Kritik ausgerechnet am „Format“ der Wertschöpfungskette durchexerziert wird, so erscheint das nicht als besonders glücklicher Griff, weil Wertschöpfung durchaus auch in anderen, nicht-kapitalistischen Zusammenhängen stattfindet. Extreme Arbeitsteilung, Warenproduktion für den Markt, Geldwirtschaft und Wettbewerbsorientierung sind beispielsweise fundamentalere Prozesse, zu denen sich nach langer Latenzzeit nun auch die vollständige Ökonomisierung der Wissenschaft gesellt hat.

    Zu 2): Formatization
    Unter dem Begriff „Format“ werden bei Gehman abgehandelt formalisierte Organisationsprinzipien (z.B. Arbeitszerlegung) ebenso wie standardisierte Endprodukte (z.B. Smartphones), fundamentale Verhaltensorientierungen (wie Profitmaximierung) ebenso wie Bedienungsabläufe eines technischen Gerätes (z.B. Autofahren). Auch bestimmte wissenschaftliche Modelle der Wirklichkeitserfassung (hier: Wertschöfpungskette) sollen „Formate“ sein. Es fällt schwer zu erkennen, was für ein Erkenntnisgewinn mit einem derart ausgeweiteten Begriffsumfang verbunden sein soll, wenn man denn unter „Format“ jedes regelgeleitete Handeln, jede Institution, jedes schematisierte Artefakt wiederkehrender Gestalt und jedes wissenschaftliche Modell versteht, das irgendwie handlungsrelevant ist.

    Dagegen scheint mir der Begriff der „Formatization“ insofern eine eigene, erkenntnisleitende Berechtigung zu haben, als er systematisch die Rückwirkungen ins Auge fassen will, die von den regelgeleiteten, wiederkehrenden Zurichtungen des Menschen auf diesen selbst ausgehen – häufig auch, ohne dass dieses unmittelbar intendiert wurde. Der Mensch glaubt, Meister des Prozesses zu sein, in dem er die äußere Natur oder seinesgleichen wiederkehrenden Abläufen oder Formen unterwirft (also struktur- oder prozess-„formatiert“) – indessen wird er selbst dadurch verändert. Diese Version der Hegelschen Dialektik von Herr und Knecht bzw. einer zweckrationalen „Dialektik der Aufklärung“ (Horkheimer/Adorno) wird allerdings nur kurz und in wenigen Aspekten angedeutet und nicht wirklich durchexerziert. In diesem Sinn könnte „Formatization“ aber ein Forschungsprogramm bezeichnen. Die Turmuhr und Spinning Jenny haben die Menschen und die Gesellschaft verändert, wie das die Erfinder derselben wohl kaum vorhergesehen haben, und dasselbe können wir vom Personalcomputer sagen.

    Es sollen hier abschließend noch einmal in aller Kürze einige Erscheinungen aufgezählt werden, die geeignet erscheinen, die Meisterschaft des homo faber et oeconomicus über die von ihm technologisch gestaltete Realität zu relativieren, im Sinne eines Zurückschlagen des „Formats“ auf den, der es erfunden und durchgesetzt hat. Für „Formatization“ könnte in diesem Sinne bedeutsam sein:

    1) Massenhafte Verbreitung
    Wenn ein Muster (etwa eine technische Erfindung) sich massenhaft verbreitet, schlägt Quantität in Qualität um. Eine solche massenhafte Verbreitung verändert dann in der Tat die gesamte Umwelt. Das, was zunächst eine Singularität war, die von mir aufgesucht und benutzt werden konnte, kommt nun von außen auf mich zu. Ob ich das will oder nicht: Ich muss mich ggf. anpassen.

    2) Systemzwang
    Der techno-ökonomische Fortschritt ist eine Lust für diejenigen, die an seiner Spitze marschieren und ihre persönliche Erfüllung darin finden, ihn voranzutreiben. Das gilt insbesondere für Naturwissenschaftler, Ingenieure, bestimmte Unternehmer, Venturekapitalisten und Manager. Aber wehe, wenn sich Individuen oder auch ein kleineres Kollektiv der Beglückung durch diesen Fortschritt entziehen will. Das Mindeste, was häufig daraus folgt, sind: Marginalisierung, Ausscheiden aus dem Markt, berufliches Ende oder im besten Fall Nischenexistenz.

    3) Denkmodelle und Realitätsgestaltung
    Gerade im Bereich der Sozialwissenschaften und dort vor allem im Bereich der Wirtschaftswissenschaften lässt sich beobachten, wie das, was sich selbst im akademischen Kontext bescheiden als positivistisch verstandenes, interpretatives „Modell“ des Geschehens vorstellt, welches der Falsifizierung bzw. Verfeinerung harrt, zugleich eine wirklichkeitsgestaltende Macht entfaltet – und sei es „nur“ über die Ausbildung der entsprechenden Experten, die nach ihrem Examen in die goldene Praxis drängen. Man kann beispielsweise kaum ein ganzes Studium lang mit einer Modellbildung konfrontiert sein, welche auf der Grundannahme des nutzenmaximierenden Subjekts beruht, ohne dass derartige Modellannahmen hinterher Auswirkungen auf die Realitätswahrnehmung und Realitätsgestaltung der so Ausgebildeten („Formatierten“) haben werden. Das lässt sich empirisch beobachten, ohne dass man deswegen gleich wieder in den Positivismus-Streits einsteigen muss.

    4) Training und Ausbildung
    Um mit Technologien, aber auch mit organisatorischen Abläufen zurecht zu kommen, ist eine Ausbildung bzw. ein Training erforderlich, das den Benutzer entsprechend „habitualisiert“, wie Gehmann sich ausdrückt. Damit werden also Menschen für die Maschine oder Organisation zugerichtet, nicht umgekehrt. Dieses gilt allerdings auch schon für Zeiten weit vor der Moderne – beispielsweise für militärische Organisationen. Wie aber wirkt eine derartige „Habitualisierung“ mentalitätsbildend? Das ist ein Fall für Einzelstudien.

    5) Verluste
    Die Ökonomie spricht von „Kosten“, welche eine Technologie verursacht – z.B. „externe Kosten“ im Sozial- oder Umweltbereich oder Folgekosten. Mit diesen Quantifizierungsbemühungen sind aber noch längst nicht alle Verluste erfasst, die eine bestimmte Technologie oder Organisationsform sonst noch mit sich bringt. Das reicht von der „Entzauberung der Welt“ (M.Weber) bis zum Verlust oder Schwächung spezieller menschlicher Fähigkeiten. Ein Soldat, der vom Sessel aus eine Drohne in das Haus der „feigen“ Selbstmordattentäter navigiert, muss selbst keinen Mut zeigen. Ein genereller Verlust zunehmender Technisierung besteht im übrigen darin, dass das Publikum immer ungebildeter ist in Relation zu den Gerätschaften, die es zwar bedient, aber nicht versteht. Der Raum des individuell Unverstandenen erweitert sich täglich und wird durch Vertrauen ersetzt – so schon Max Weber in „Wissenschaft als Beruf“.

    6) Mentalitäten, Ideologien
    Ist zweckrationales Denken (das ist das Gemeinsame von Betriebswirtschaftslehre und Ingenieurskunst) eine Folge der Technisierung oder deren Voraussetzung? Hier liegt zumindest teilweise ein Henne-Ei-Problem vor. Es ist dürfte nicht einfach sein, die mentalitätsstifende Kraft einfacher Artefakte nachzuweisen, wie dieses z.B. aus pädagogischer Sicht für die Wirkung von Computern auf Kinder und Heranwachsende versucht wird. Sicherlich verallgemeinern sich technologiegetriebene, paradigmatische Denkweisen von Zeit zu Zeit wie eine musterbildende Mode – aber derartige „Formatierungen“ des Kollektivs („Zeitgeist“) sind sehr komplexe Prozesse.

    7) Mentalitätsgerechte Zurichtung der Realität
    Eine spezielle Form der Realitätszurichtung besteht darin, dass die äußere Realität nicht nur unter einem bestimmten Gesichtspunkt wahrgenommen wird, sondern dass sie der eingenommenen Denkungsart entsprechend so umgestaltet wird, dass Realität und Betrachtungsweise gut harmonieren und alles Widerständige daraus verbannt wird. Onkel Dagobert hat dann nicht nur Dollarzeichen in den Augen, sondern die Umgebung wird auch dagobertmäßig umgestaltet, so dass jedes Ding und jede Handlung ein Preisschild trägt; denn aus allem lässt sich ein Geschäft machen. In diese Kategorie gehört auch das Begradigen und Glätten und Plattmachen in jeder Hinsicht: insbesondere in der Architektur, im Städtebau und in der Landschaftserschließung – neuerdings auch in der akademischen Ausbildung. Eine solche Umgebung hat das Dschungelhafte und das Verschlungene beseitigt und bestärkt nun die Beseitiger in dem Glauben, die Wirklichkeit insgesamt sei so rechteckig, praktisch und hygienisch wie die asphaltierte Straße und die Fastfood-Schachtel.
    Das gilt erst recht für die Gestaltung der sozialen Realität. Da nun einmal der wissenschaftliche und soziale Fortschritt dem galileischen Grundsatz folgt: „Messen, was messbar ist“, wird insbesondere das Verhalten von Menschen so organisiert, dass es (zumindest scheinbar) messbar gemacht wird. Steuern lässt sich in diesem Sinn nur, wofür Zahlen vorliegen. Entsprechend furios ist daher auch das Bestreben, dergleichen Zahlen zu gewinnen – und zwar indem man die organisatorische Realität so zurichtet, dass sie messbar erscheint. Die Versessenheit auf Kennzahlen trägt in der Betriebsorganisation teilweise schon wahnhafte Züge, insofern die Zahl wichtiger erscheint als die Wahrnehmung der unmittelbaren Realität. Das Studium des „Zahlenwerks“ ersetzt die direkte Begegnung, und die Mitarbeiter reagieren entsprechend, indem sie für Kennzahlen zu arbeiten beginnen, weil es nur diese sind, die „oben“ wahrgenommen werden. Die Kennzahlen messen schließlich nur noch ein Verhalten, das sie selbst mit hervorgebracht haben.

    8) Gewöhnung
    Gerade im Umgang mit neuen Technologien tritt ein Gewöhnungseffekt ein. Was man zunächst als eine große Neuerung und möglicherweise als eine große Hilfe angesehen hat, beginnt nach einiger Zeit als „selbstverständlich“ angesehen zu werden. „Gewöhnung“ bedeutet einerseits, dass man keinen inneren Abstand mehr zu der Technologie hat – zugleich aber auch, dass man den Fortschritt selbst gar nicht mehr empfindet und auch nicht würdigt. An was man sich gewöhnt hat und wie abhängig man zugleich geworden ist, erkennt man allenfalls, wenn man einmal darauf verzichten muss. Bei aller Technologie-Kritik ist zu bedenken: Vom erhöhten Niveau lässt sich trefflich räsonnieren und kritisieren.

    Nachtrag: Und die Erziehung?
    Gehmann hat mit einem gewissen antimodernen Affekt solche Prozesse „Formatization“ des Menschen im Blick, die durch Technik, Organisation und übergreifende Denkmuster geschehen, bevorzugt auf indirektem Weg. Aber was sollen wir beispielsweise von den vormodernen Trainings und Disziplinierungspraktiken halten, die im Sinne einer „methodischen Lebensführung“ (M. Weber) gerade im Bereich der militärischen oder religiösen Sozialisation exerziert wurden und werden, einschließlich der „Schwarzen Pädagogik“? Ein entsprechend (implizit oder explizit) regelgeleitetes Vorgehen dürfte durchaus unter den extensiven Begriff der Gehmannschen „Formatierung“ fallen, zumal hier durchaus zahlreiche „Techniken“ (bis hin zur „Schwarzen Pädagogik“) zum Einsatz kommen, die direkt am Menschen arbeiten.
    Beim Blick auf die Formatierungsprozesse im Technokapitalismus und der polemischen Kontrastierung derselben mit dem Begriff der „Freiheit“ lohnt sich stets auch ein Blick auf die „Formatierungs“-prozesse in der Vormoderne, aber auch in nicht-kapitalistischen Gesellschaften.
    „Formatization“ soll ja auch kommunistischen und sozialistischen Gesellschaften nicht völlig fremd gewesen sein. Das gilt nicht zuletzt für Architektur und Städtebau, welche Gehmann so wichtig sind, weil er hiermit die Musterbildung so gut illustrieren kann.

  7. Der Artikel über Formatierung fasst viele Kritikpunkte an der Moderne unter einer neuen Perspektive zusammen. Die Perspektive der Formatierung bzw. der Umstand, dass wir heute mit weitgehend formatierten Lebensverhältnissen konfrontiert sind, scheint zunächst überspitzt, ist aber bei näherem Hinsehen durchaus plausibel. Wie ich in meiner täglichen beruflichen Praxis erfahre, haben Tendenzen der Formatierung von Wirtschafts- und damit Lebensverhältnissen in den letzten Jahren stark zugenommen. In diesem Zusammenhang hat sich bei mir der Eindruck gebildet, dass Formatierungen, die sich zunächst offen und direkt in wirtschaftlichen Verhältnissen zeigen, zunehmend und indirekt Verhaltensweisen und Wahrnehmungsmodi einer immer größeren Anzahl Menschen betreffen, d.h. auch unterschwellig wirksam sind, was vielleicht die größere Gefahr darstellt.
    In jedem Fall scheint es mir vor dem Hintergrund meiner beruflichen Praxis notwendig, wichtige Aspekte und Ausprägungsformen von Formatierungen zu untersuchen, v.a. im Bereich des Wirtschaftslebens und der von ihm ausgehenden Prägung von Sozialverhalten und von dem was heute als „wichtig“ oder „unwichtig“ gilt. Hier wäre aus meiner Sicht noch viel Arbeit zu leisten.

    Dr. Horst Heinrich

  8. Aufgrund meiner täglichen Arbeit mit Jugendlichen halte ich das Thema für sehr wichtig. Ein Grossteil der Sozialkontakte läuft über Plattformen im Netz ,und die Frage stellt sich , inwieweit soziales Verhalten ausserhalb dieser Plattformen überhaupt noch gelernt wird bzw. nur noch in reduzierter Form stattfindet.

  9. […] [23] To the notion of the format see Gehmann, Ulrich (2012): Formats, in http://ejournal.uvka.de/spatialconcepts/archives/1494 […]

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