Formats

Mrz 14th, 2012 | By | Category: Posthuman age, Sociohistorical analysis, Topics

Authors

Ulrich Gehmann Institut für Geschichte, Arbeitskreis „Formatierung sozialer Räume“, Karlsruher Institut für Technologie, E-Mail: ugehm@t-online.de

Fulltext

Abstract English

In the following, a new conceptual framework for investigating nowadays‘ „technical“ phenomena shall be introduced, that of formats. The thesis is that processes of formatting account for our recent conditions of life, and will do so in the very next future. It are processes whose foundations have been laid in modernity and which will further unfold for the time being. These processes are embedded in the format of the value chain, a circumstance making them resilient to change. In addition, they are resilient in themselves since forming interconnected systems of reciprocal causal circuits.Which leads to an overall situation that our entire „Lebenswelt“ became formatted to an extent we don’t fully realize, even influencing our very percep-tion of it.

Keywords

Formats, Formatization, Value chaining, Colonization, Technicality

Citation

Ulrich Gehmann “Formats”, Journal of New Frontiers in Spatial Concepts, ISSN 1868-6648, vol. 4 (2012), 13-33, Article ID http://ejournal.uvka.de/spatialconcepts/archives/1494, Pages:  21

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  1. Ein sehr guter Beitrag, der eines der Grundprobleme der heutigen Zeit lebendig und von verschiedenen Perspektiven aus betrachtet. Die Frage stellt sich, inwieweit Formatierungsprozesse unser heutiges Leben in einem Ausmaß bestimmen, das uns noch gar nicht bewußt ist. In jedem Fall lohnt es sich, über die im Artikel gemachten Aussagen weiter nachzudenken.

  2. Der Artikel beinhaltet Gestaltungsprinzipien, die leider auch in der Stadtplanung Verwendung fanden, unter der Rubrik der „funktionalen“ Stadt; und bis heute finden, da sich die im Artikel beschriebene Ideologie der Funktionalisierung in der „investorgerechten“ Stadt wiederfindet. Zudem schlägt sich diese Ideologie in dem Denken nieder, daß die Stadt ein Produkt sei und demnach einem „Stadtmarketing“ unterworfen wird, das die Stadt nun zu „vermarkten“ habe. Es gibt dann verschiedene Städte nur noch als „Marken“ (also als Produkt), so, wie es Schuh- und andere Marken gibt.
    Als Mitarbeiter in der Stadtplanung erlebe ich solche Fälle täglich.

  3. Es ist Herrn Gehmanns Verdienst, auf die Auswüchse zu verweisen, zu denen die Möglichkeit der Schaffung virtueller Welten und die allgemeine Tendenz, alles und jeden zu formatieren, führen kann: dass unsere Welt hinter einer künstlichen, die wir selbst schaffen, verschwindet und mit ihr schließlich auch die Authentizität unseres Innenlebens (Gefühlswelten werden ja ebenfalls formatiert, siehe „Bauer sucht Frau“ usw.).
    Insofern ist sein Artikel eine ebenso wertvolle wie notwendige Bestandsaufnahme neuerer Entwicklungen, die, vom Technischen kommend, auf alle Bereiche des Lebens einschließlich des Sozialverhaltens übergreifen, und ich teile sein Unbehagen gegenüber dieser Entwicklung.
    Aber wo Gefahr ist, wächst bekanntlich das Rettende auch. Über den Unterschied von Schein und Sein dachten bereits die Alten Griechen in ihrem berühmten Höhlengleichnis nach; die Zweiteilung der Welt in eine „wirklich reale“, greifbare, und eine von Bildnissen gestaltete „Welt 2.0“ gibt es also, seitdem es Symbole gibt. Diese Zweiteilung und der Bau formatierter Wohnblocks ist es daher auch nicht, was mir Sorgen macht und was hoffentlich auch nicht Herrn Gehmanns Hauptsorge ist; sondern die Gefahr, dass am Ende die Alte Welt hinter World 2.0 nicht mehr wahrgenommen wird; und das scheint mir weniger ein Problem der Technik zu sein als vielmehr eine Frage des verantwortungsvollen Umgangs mit den Möglichkeiten, die sie bietet. So lange es Menschen gibt, die sich nicht mit dem Hinweisschild auf eine Sehenwürdigkeit zufrieden geben, sondern die Autobahn verlassen und sich die Sehenswürdigkeit in voller Lebensgröße betrachten, ist diese Alte Welt nicht verloren. Gleichwohl: In dieser Richtung weiterzuforschen ist in der Tat eine interessante Aufgabe. Es würde mich freuen, hierüber mehr aus der Feder des Verfassers zu lesen.

  4. Formatierungsprozesse beeinflussen uns als Individuuen in unserer täglichen Lebensrealität immens. Allerdings sind es viele (voneinander unabhängige wie abhängige) Einflussfaktoren, die am Ende zu einer Verschiebung unserer internalisierten Realitätswahrnehmung von der externen Welt hin in eine „formatierte“ und damit quasi gleichgeschalteten Welterfahrung führen. Wenn wir gedanklich vorerst zulassen, dass diese Einflussfaktoren auf unterschiedliche Teile unseres Lebens und Erlebens wirken, dann stellt sich die unmittelbare Frage, an welchen Stellen in der eigenen, persönlichen Entwicklung man auf Konflikte stößt, die durch die versuchte Verschmelzung zweier inkompatibler Formate entstehen. Selbst erleben kann man das Phänomen in jeder Situation, in der die eigene Erfahrung das Gegenteil von dem postuliert, was im gleichen Augenblick eintritt: Jene Aha-Momente, die uns immer wieder aufs Neue klarmachen, dass die Beeinflussung von Außen und die damit eventuell eingeleitete Formatierung eigentlich nichts anderes als ein Verlust von Freiheit ist, der mit dem Gewinn von Sicherheit durch Uniformität gepaart ist. Wenn wir also nun diese Aha-Momente analytisch auswerten wollen, bedarf es einer Formalisierung der Einflussfaktoren der Formatierungsprozesse. In meinen Augen ist die Entwicklung eines solchen Modells der logische nächste Schritt nach dieser sehr tiefgehenden Phänomenanalyse. Ohne Modell bleibt es ein abstraktes Phänomen.

  5. U. Gehmann arbeitet in seinem Beitrag ein neues sozio-kulturelles Konzept heraus, das „Format“ und den aktiven Vorgang des Formatierens bzw. der Formatierung. Diese integrieren soziale Beziehungen, wirtschaftliche und sonstige Aktivitäten in den sozio-kulturell-ökonomisch-technischen Kontext, dessen Rahmen lt. U. Gehmann die post-moderne, kapitalistische Gesellschaft bildet. Folge sind vielfältige Normierungen, nicht nur im Sinn von DIN (Deutsche Industrie-Norm) betreffend Industrieprodukte und sonstige materiellen Realisierungen (z.B. Städtebau…), sondern in immer weiter fortschreitendem Maße die ganze Gesellschaft betreffend, den Platz jedes Einzelnen in dieser Gesellschaft, sein Wirken und ebenso seine subjektive Wahrnehmung, fast sein ganzes Leben. Jeder wird Teil des Ganzen, muss sich an Formate anpassen, diese wiederum sich übergeordneten Formaten anpassen. So entsteht ein System aus sich gegenseitig formatierenden Formaten, in dem das Individuum Mensch nur noch das kleinste Teilchen ist, ein (noch) notwendiger Akteur im Ganzen. Zumindest in Weite und Auswirkung scheint das neu zu sein, und wohl nur wenige können sich dem entziehen.

    So habe ich das zumindest verstanden. Denn die Darstellung dieses Konzepts ist nicht einfach, vor Allem für einen Fachfremden wie mich. Dennoch wirkt es überzeugend. Und dieses Konzept überschneidet sich mit den Analysen anderer Autoren. Z.B. Myriam Meckel, Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen, kommt zu ähnlichen Schlüssen in Zusammenhang mit den modernen Kommunikationstechnologien, und diese dominieren in unseren fortgeschritten digitalisierten postindustriellen Gesellschaften, in denen Kommunikation und Vernetzung alles ist, und der Mensch bald nur noch durch diese „existiert“. Der Golem wird bei ihr zum Googlem. Diese Aspekte scheinen also vermehrt ins Blickfeld der Forscher zu geraten. Gott-sei-Dank, muss man sagen, denn es ist gut, diese sich verselbständigenden Prozesse vermehrt wahrzunehmen und darauf aufmerksam zu machen.

    Die beschriebene Situation gibt zu denken. Hat sich unsere doch angeblich so individualistische, egoistische Gesellschaft des Jeder-für-sich nicht unmerklich zu einer totalitären Welt entwickelt, die dem Einzelnen nur noch die Illusion seiner Individualität lässt? So wie unsere Regierungen nur noch beschränkte Entscheidungsfreiheiten haben angesichts des transnationalen, ja globalen Gesamtsystems. Sind wir nur noch Ameisen in unserem gesellschaftlichen System? (Womit ich diese Tiere nicht verunglimpfen möchte! Vielleicht haben sie uns viel voraus.) Wo bleibt hier der Mensch, „l’Homme“ mit großem H der französischen Philosophen? Ich, als überzeugter Individualist, werde nach dieser Lektüre meine Haltungen, mein Handeln, mein Konsumieren … auf jeden Fall noch kritischer hinterfragen, selbst auf die Gefahr hin, ein Außenseiter, ein Aussteiger, gar Aussätziger zu werden. Der geringste zu erwartende Vorwurf dürfte sein, ich sei konservativ oder gar reaktionär.

    Nun, Aussteigen ist dem Einzelnen möglich. Aber wie kann und sollte es weiter gehen mit dem Ganzen, mit unserer Gesellschaft, der Menschheit? Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen? Ist die Zuordnung der Formatisierung zum kapitalistischen System zwingend? Gibt es realistische Alternativen, nicht nur für den „Schrebergarten“ und ähnliche kleinwirtschaftliche Modelle, sondern auch im Rahmen der globalen Wirtschaft? …

    Dr.med. Martin Hermstrüwer
    Evilard, Schweiz

  6. Der Artikel über Formatierung fasst viele Kritikpunkte an der Moderne unter einer neuen Perspektive zusammen. Die Perspektive der Formatierung bzw. der Umstand, dass wir heute mit weitgehend formatierten Lebensverhältnissen konfrontiert sind, scheint zunächst überspitzt, ist aber bei näherem Hinsehen durchaus plausibel. Wie ich in meiner täglichen beruflichen Praxis erfahre, haben Tendenzen der Formatierung von Wirtschafts- und damit Lebensverhältnissen in den letzten Jahren stark zugenommen. In diesem Zusammenhang hat sich bei mir der Eindruck gebildet, dass Formatierungen, die sich zunächst offen und direkt in wirtschaftlichen Verhältnissen zeigen, zunehmend und indirekt Verhaltensweisen und Wahrnehmungsmodi einer immer größeren Anzahl Menschen betreffen, d.h. auch unterschwellig wirksam sind, was vielleicht die größere Gefahr darstellt.
    In jedem Fall scheint es mir vor dem Hintergrund meiner beruflichen Praxis notwendig, wichtige Aspekte und Ausprägungsformen von Formatierungen zu untersuchen, v.a. im Bereich des Wirtschaftslebens und der von ihm ausgehenden Prägung von Sozialverhalten und von dem was heute als „wichtig“ oder „unwichtig“ gilt. Hier wäre aus meiner Sicht noch viel Arbeit zu leisten.

    Dr. Horst Heinrich

  7. Aufgrund meiner täglichen Arbeit mit Jugendlichen halte ich das Thema für sehr wichtig. Ein Grossteil der Sozialkontakte läuft über Plattformen im Netz ,und die Frage stellt sich , inwieweit soziales Verhalten ausserhalb dieser Plattformen überhaupt noch gelernt wird bzw. nur noch in reduzierter Form stattfindet.

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KIT Scientific Publishing, Karlsruhe | Journal of New Frontiers in Spatial Concepts | ISSN 1868-6648
http://ejournal.uvka.de/spatialconcepts/
 
https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en