Utopia revisited – neuer Wein in alten Schläuchen?

Feb 13th, 2009 | By Ulrich Gehmann | Category: Sociohistorical analysis

Author

Ulrich Gehmann, Institut für Geschichte, University of Karlsruhe,
E-Mail: ugehm@t-online.de

Fulltext

Abstract English

The article is about an old and powerful occidental idea, utopia. Of how this idea experienced a revival nowadays, in adopting the form of a technical promise of true Promethean character: that everything is possible for everybody, assisted by technical means. That the individual’s liberation came within reach of reality, enabled by a combination about which we believe that it keeps our world going, namely free market and technological progress. That for the first time in human history, the modern variant of this myth is telling, a paradise of all for all has been realized, or does stand in our very vicinity at least, in becoming realized very soon.

It is the nature of the utopian to erect a New World; in making one’s own history, the core of every utopia. The utopian comes in the near of an ideal state of Being, of an attempt to end history as such. Means: to end development as such, no matter the outcome, eu- or dystopian.

An aspect of crucial importance for the viability of nowadays utopias is their dependency on technique. They are hidden utopias, disguised in the clothing of the technologically possible. That the meanwhile truly liberated occidental individual can choose the spaces in which to live, even virtual ones.

Keyword(s)

Utopia today, Virtual society, Liberation, Utopian isolation

Citation

Ulrich Gehmann, “Utopia revisited – neuer Wein in alten Schläuchen?Journal of New Frontiers in Spatial Concepts, ISSN 1868-6648, vol. 1 (2009), 11 – 38, Article ID http://ejournal.uvka.de/spatialconcepts/archives/502, Pages: 28

Tags: , , ,
Bookmark this Article: Connotea | del.icio.us | Digg it | Furl | Yahoo MyWeb | Google | Mr. Wong

5 comments
Leave a comment »

  1. In seinem Aufsatz „Utopia revisited“ unternimmt es Ulrich Gehmann, „die Idee des Utopischen neu zu beleuchten.“ Er tut dies sehr ausführlich und stellt dabei eine Reihe von Thesen auf, die an anderer Stelle gewiss noch zu diskutieren und/oder näher auszuführen wären; aber die Richtung ist klar: Er zeigt auf, dass im Laufe der Prozesse, die sich heute im Bereich der technischen und der kulturellen Entwicklung abspielen, eben nicht mehr „nur“ zur Auflösung einzelner Kulturen und/oder Gesellschaften führen können, sondern der Wirklichkeit selbst. Dann wären wir tatsächlich an einem Ou-Topos, einem Nicht-Ort, angekommen.
    Dass wir auf dem Wege dahin sind, ist keine erfreuliche Vorstellung, aber eine, der man nicht entrinnen kann, wenn man den Gehmann’schen Aufsatz liest; denn seine Beweisführung ist erschreckend schlüssig. Wer ihm in seiner kulturpessimistischen Einschätzung der heutigen Lage mit guten Argumenten widersprechen kann, trete vor – ich kann nach einem Blick auf die Welt wenig mehr tun, als mich seinen Einsichten zu beugen. Es ist aber wichtig, dass diese Einsichten überhaupt einmal durchdacht, ausformuliert und zu Papier gebracht wurden.
    Er illustriert seine Sicht unter anderem anhand der Unterscheidung zwischen dem Mittel zum Zweck und dem Zweck an sich. In früheren Zeiten, so Gehmann, sei die Technik als bloßes Mittel zum Erreichen von Zielen verstanden worden. In heutiger Zeit sei sie Selbstzweck geworden, weil in der technischen Entwicklung selbst und im Machen des technisch Machbaren bereits die Erfüllung der Utopie liege. Dass eine solche Form der Utopie lediglich aufs materialistische und damit auf die bloße Befriedigung individueller Konsumbedürfnisse ausgerichtet sein kann, liegt auf der Hand: Sollten darüber hinaus noch andere Faktoren eine Rolle spielen – etwa die Möglichkeiten auf medizinischem Gebiet bis hin zu Klonung, Gentherapie, vorgeburtlicher Veränderung des Erbguts usw. –, könnten diese noch nicht einmal mehr den leicht begreiflichen Nutzen des satten Individuums ins Feld führen, sondern müssten bereits wieder mit ethischen Argumenten aufwarten, deren Richtigkeit diskussionswürdig ist – was nicht zuletzt die Stellung der Kirchen zu diesen Themen belegt.
    Bleibt also die Entwicklung der Utopie von einer sozialen, d. h. gemeinschaftlichen, deren Mittel zum Zweck die Technik ist, hin zu einer auf den Konsum ausgerichteten individualistischen, in der die Technik und ihre Errungenschaften selbst Teil des erstrebten sind (z. B. ein Mobiltelefon, das gleichzeitig Internetportal, Fernbedienung für den DVD-Spieler, Duftspender und Navigationsgerät ist, im Dunkeln leuchtet, bei Berührung durch Unbefugte um Hilfe ruft, Fotos macht und Musik abspielt, das Faxe senden, Gedichte und Bücher rezitieren, Hitze abgeben und damit Kaffee kochen und vielleicht auch noch als Sexspielzeug verwendet werden kann – wäre das nicht toll?).
    Diese Utopie ist bescheidener in ihren Ansprüchen als jene und scheint damit eher erfüllbar, auch das führt Gehmann aus; und wir sind auf dem besten (bzw. schlechtesten Weg) zu ihrer Erfüllung. Voraussetzung: Die Leute müssen mitspielen oder, wie Gehmann es ausdrückt: „Befreiung braucht Masse, vom Kollektiv bis zum Individuellen. Sonst wird technisch gesprochen kein Momentum erzeugt, und der ganze Ansatz wirkt nicht.“ Nun, Dieter Bohlen und Heidi Klum könnten uns sicher bestätigen, dass es an einem Mangel an Masse nicht scheitern wird.
    Gehmann nähert sich dieser Entwicklung allerdings nicht wertneutral, sondern bezieht Stellung: „Denn trotz “pluralistischer”, d.h. durch & durch säkularisierter und eines einheitlichen Wertekanons beraubter westlicher Gesellschaften heutiger Prägung ist Utopie nicht tot. Im Gegenteil. Nur daß sie heute nicht ehrlich auftritt, sich nicht offen als das ausgibt, was sie ist: als Utopie eben, sondern im Gewand technischer Machbarkeit daherkommt.“
    Genau hierin liegt laut Gehmann der Unterschied zwischen den heutigen und den gewesenen Utopien: Jakobiner, Marxisten und Nationalsozialisten glaubten ebenso an die (wie man heute sagen würde „nachhaltige“) Umsetzbarkeit ihrer Utopien – sonst hätten sie damit gar nicht erst an den Start gehen können – und suchten sie entsprechend zu vermitteln. In Anbetracht der Methoden, die hierbei angewendet wurden, erscheint mir das heutige Vorgehen, etwa in Sachen „Social Engineering“, geradezu subtil und überaus sozialverträglich. Aber Gehmanns Punkt ist ein anderer, und er arbeitet ihn so genau und geduldig heraus wie ein Edelsteinschleifer: Wer heute das Schlaraffenland des Konsums sucht, das Reich der technischen Machbarkeit von früher oder später allem – oder einfach nur glaubt, Deutschland brauche ihn als nächsten Superstar –, macht sich eben das nicht mehr klar, was jene noch wussten: dass sie einem Phantom nachjagen. Jakobiner, Marxisten und Nationalsozialisten meinten, dass es den Versuch wert sei. Für unsere heutigen Lemminge auf dem Wege nach Utopia geht es gar nicht mehr um den Versuch und die Möglichkeit seines Scheiterns, weil sie die Umsetzbarkeit für selbstverständlich halten. Die große Tragik unserer Welt mit all ihren großartigen Möglichkeiten liegt (wenn ich den Autor recht verstanden habe) genau darin, dass diese Möglichkeiten nicht genutzt wurden, um die Welt an sich besser und lebenswerter zu machen, sondern zum Verschwimmen und Verschwinden der Grenze zwischen Schein und Sein geführt haben – weil es letztendlich nur um Konsum ging. Das Ziel dieser Entwicklung hin zur Utopie sei, auf einen kurzen Nenner gebracht, die Vorstellung: „Das Paradies in Reichweite Aller.“
    Ist an der Erreichung technischer Errungenschaften als Selbstzweck einer Utopie vielleicht nichts objektiv Verwerfliches, so seien es zumindest die Risiken und Nebenwirkungen, meint Gehmann: „Utopien, wenn ihrer Realisierung zugeführt, scheinen die fatale aber unausrottbare Neigung zu haben, ‚emergente Phänomene’ zu erzeugen, incl. der gerade von ihren Erzeugern so gefürchteten ‚Kollateralschäden’.“ Diese Kollateralschäden sind Gehmanns eigentliches Thema; denn ihm ist selbstverständlich klar, dass Entwicklung – gleich in welche Richtung und in welcher Form – zu den Grundzügen des menschlichen Daseins gehört und sich auch nicht zurückdrehen lässt. Es geht also, wenn man schon nach dem Noch-nicht-seienden strebt, darum, schädliche Nebenwirkungen dieser Entwicklung möglichst gering zu halten bzw. den Weg zu wählen, der möglichst wenige solcher „negativen Emergenzen“ hervorruft. Aus dem Erfahrungsschatz bisheriger westlicher Entwicklung bezieht er die Erkenntnis, es sei „eine typisch westliche Sicht der Dinge, aber eine, die sich bewährt oder zumindest als erfolgreich herausgestellt hat: ‚Die Welt kann nur sein, wenn sie geordnet ist.’“ Möglicherweise tragen die Indogermanen diese Vorstellung von einer Welt, die durch Ordnung erst zur Welt wird, tatsächlich in ihren Genen. Deshalb kann es m. E. nur darum gehen, auf dem Weg zum technisch machbaren das sittlich Gute bzw. das zu Wollende nicht aus den Augen zu verlieren, im Sinne von Kants Kategorischem Imperativ. Aber wer soll ihn aussprechen?
    Genau an diese Vernunft vermag der Verfasser wegen besagter Systemik nicht zu glauben. Kulturpessimismus spricht aus dem Großteil seiner Aussagen. Man möchte Gehmann gerne widersprachen, er selbst vermutlich auch, aber die Dinge sind eben nicht danach. „Das Anstreben eines idealen Endzustandes verleiht der Utopie Unerbittlichkeit, in Theorie und Praxis. Und führt oft, als Emergenz, zu Dystopien.“ Ein leichter Einwand vielleicht noch: Müssen Utopien immer einen Endzustand anstreben – den „Idealzustand“ einer Gesellschaft, der dann leicht in eine Dystopie umkippt? Schließlich ist bei der oben erwähnten „bescheidenen“ Utopie des technisch machbaren klar, dass es technisch immer noch etwas draufzusetzen gibt – für uns Heutige noch unvorstellbares bis hin zum Bau einer Zeitmaschine, eines Ereignisumkehrapparats zur Vermeidung von Unfällen oder eines Gedankenlesegeräts – und es daher niemals einen Endzustand geben wird.
    Und nicht einmal dieser Einwand verfängt, denn leider liegt genau hier, wie Gehmann ausführt, der Unterschied zwischen Utopie und Plan: Eine Utopie, die keinen Endzustand anstrebt, sondern weiß, dass „alles fließt“, ist eben keine mehr, sondern ein Plan. Und ein Plan beziehungsweise die, die ihn aufstellen, wissen um die Möglichkeit des Scheiterns. Ackermann und die Seinen haben also keinen Plan, sondern eine Utopie. Das ist die bittere Erkenntnis, die uns Ulrich Gehmann beschert. Sie lässt sich indes nur gewinnen, wenn man die Begrifflichkeiten sauber trennt; das ist das große Verdienst des Verfassers und die große Schwierigkeit derer, die ihm hierin folgen wollen und Laien sind.
    „Die Hoffnung ist: der Ou-Topos bleibt nicht Nicht-Ort im Sinne des Unrealisierbaren, sondern fernes Irgendwo, eine Ordnung des definitiv Besseren, die “irgendwann” ihrer Verwirklichung harrt, ergo irgendwo einmal auftreten wird. Die Utopie als Archetyp.“ Das ist in der Tat die Hoffnung von Verfechtern einer Utopie. Manchmal ist aber auch der Weg dahin das Ziel. Das haben übrigens Utopien mit den etablierten Religionen gemeinsam, denn auch diese hoffen auf etwas, das im Diesseits bzw. in der Gegenwart noch nicht offenbar wird.
    „Utopien, gleichgültig in welcher Gestalt, […] scheinen ebenso zu uns zu gehören wie unsere abendländische Form der Wissenschaft. Wegen des … mythischen Versprechens, das Utopien als prinzipielle Unabgegoltenheit verkörpern. Die Utopie als vorwärts orientierter Archetyp, als immerwährender Versuch, ‚daß es diesmal klappen könnte.’ […] Seit den abendländischen Anfängen, seit Demokrit und den Sophisten geht es darum, daß der Mensch einen prometheischen, einen wahrhaft utopischen Akt begeht: sich selbst und seine Geschichte zu machen. Die Utopie als Selbstgestaltung, als Entfaltungsprozeß in Permanenz; gerichtete Evolution.“
    Dass unser Lebensstil nicht auf Nachhaltigkeit ausgelegt ist, sondern ihm ein Geist der Kurzfristigkeit zugrunde liegt – was so mancher Vorstandsvorsitzende sicherlich bestätigen könnte – oder, wie es Gehmann ausdrückt, „eine Lebensform, die Konsum auf den Punkt bringt – nur im Jetzt zu verharren“, ist in dieser Hinsicht ebenfalls nichts neues. Das gab es anderswo schon immer. Was Reisende aus dem Abendlande schon immer an „ursprünglicheren“ Gesellschaften reizte, war genau dieses Leben im Jetzt.
    In gewisser Hinsicht hat der westliche Mensch also genau das erreicht, jedoch um den Preis seiner Seele. Das schreibt Gehmann so nicht, aber vermutlich meint er es: Denn in der Tat bedeutet ein Leben im Jetzt in unserer heutigen Kultur letztlich nur eines: Konsum. Wo dieser zum alleinigen Maß aller Dinge wird, betrifft dies am Ende sogar die Akteure selbst; sie werden selbst zum Konsumartikel. Nach Beispielen brauchen wir nicht lange zu suchen; es genügt ein Blick ins Fernsehen.
    Die Frage, wie wir mit unseren Utopien und ihren Emergenzen umgehen und was sie aus uns machen, ist die nach dem Verhältnis zwischen denen, die dem „Krieg aller gegen alle“ bewusst oder unbewusst das Wort reden, und denen, die der Vorstellung einer solidarischen Gemeinschaft anhängen. Wir können nur hoffen, dass es die Letzteren gibt. Und dass sie Gehmanns Aufsatz lesen.

  2. Erstmal freue ich mich dass es dieses Journal gibt.
    Zweitens denke ich, dass sich die virtuellen Welten von denen Gehmann schreibt eben genau nicht durch Konsum auszeichnen. Für eine jüngere Generation die mit Bits und Bytes im Blut geboren werden, spielt Soziales eine genau so grosse Rolle wie für Gutenberg-Galaxier. Nur mit dem Unterschied dass sich die Spielflächen des sozialen Austausches eine andere Anmutung geben. Die Neuausrichtung des WWW wie wir es seit den 90ern kennenlernten, erfolgt mit einer starken Ausprägung in Richtung Sozialer Austausch. Dass es, wie immer, Geschäftemacher gibt die aus diesen Antikonsum-Web 2.0 Phänomenen, Profit schlagen wollen, liegt an der Natur des Menschen. Nicht in der Natur der Technik :)
    Das Netz ist Marktplatz in seiner ursprünglichen Form. Information und Waren werden ausgetauscht. Soziale Kontakte gepflegt, Communities finden zusammen und aggieren nach gemeinsamen Interessen. Die Funktionen sind die selben geblieben, die äussere Form mag sich verändert haben. Doch neuer Wein nimmt schnell den Geschmack von Altem auf wenn er in alte Schläuche gefüllt wird.

  3. Zum Kommentar von dorneo folgende Aspekte:
    Zunächst freue ich mich, wenn kontroverse Positionen zu einem Sachverhalt zum Vorschein kommen und entsprechend diskutiert werden können – und sollen. Mir ging es in meinem Artikel nicht darum, die Existenz – und die Möglichkeiten im positiven Sinne einer Etablierung von communitas – neuer sozialer Netzwerke zu verneinen oder gar in ihrer Existenz zu verdammen, im Gegenteil. Um was es mir ging war zum einen, unsere heutige Form kapitalistisch geprägter kultureller Bedingtheit als eine spezifische Form der Utopie zu kennzeichnen. Und damit im Zusammenhang, daß es durchaus alte Schläuche im Sinne von Pfadabhängigkeiten sind, in die sich auch das Neue ergießt. Das hat mit der Natur oder Nichtnatur von Technik gar nichts zu tun, auch ohne Smiley.
    Des weiteren: der Verdacht ist, daß sich eben nicht nur eine äußere Form, ein bloßer Behälter sozialen Austausches verändert hat, sondern durchaus im Sinne kulturell vorgeprägter Pfadabhängigkeit, sich bereits vorhandene Fragmentierungstendenzen hin zum aktandischen Sein nicht nur fortsetzen, sondern emergent vervielfältigen werden. Ob das als positiv, “wünschenswert” anzusehen ist bleibt zumindest abzuwarten.
    Drittens fällt der hoffnungsvolle Grundzug auf, mit der diese ‘neuen’ Welten als Neues Amerika, als Land größeren Austausches, mehr Individualität usw. angesehen werden. Als New Frontier, die eine alte abendländische Utopie nun zu verwirklichen endlich in der Lage sein soll. Obwohl diese im Wesen utopische Hoffnung (was per se nichts Schlechtes ist) erfüllt wird, und auch nur ansatzweise, bleibt ebenfalls abzuwarten. Es geht nicht um die Ablehnung der Utopie, oder um die neuer Möglichkeiten sozialen Austausches, sondern um die Gefahren einer Illusion. Nämlich der, daß in einem bestehenden soziokulturellen und vor allem ökonomischen Gefüge heutiger Prägung neue Ländereien plötzlich verschont bleiben werden, und neue technische Möglichkeiten alleine schon, d.h. schon aus sich heraus, eine Befreiung von alten Schläuchen ermöglichen.
    Das ist zusammengefaßt die Gegensicht zu dorneos’ Position. Wiewohl ich mich persönlich freuen würde, wenn real new frontiers zum Vorschein kämen.

  4. .Sehr interessant und aussagekräftig!

  5. Ein grundsätzliches Nachdenken über Utopien ist zu Beginn des dritten Jahrtausends ebenso sinnvoll wie notwendig. Schließlich wurden durch den Zusammenbruch der sozialistischen Staatssysteme ab 1989 – nun scheinbar endgültig – der Niedergang des utopischen Denkens oder sogar das „Ende des utopischen Zeitalters“ konstatiert, wie es Joachim Fest 1991 formuliert hat. Knapp zwanzig Jahre später ist von dieser negativen Sichtweise kaum mehr etwas zu verspüren. Gleichsam geläutert tritt die Utopie wieder in das Blickfeld der theoretischen Diskurse und erlebt eine Renaissance, die man im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wohl nicht erwartet hätte. Dies liegt vermutlich daran, dass das utopische Denken offenbar auf einem evolutionären Prozess basiert, der Strukturen und Inhalte visionärer Modellvorstellungen den spezifischen Zeitbedingungen perfekt anzupassen versteht.
    Dementsprechend deutet Ulrich Gehmann in vorliegendem Artikel die Utopie als „gerichtete Evolution“ und orientiert sich damit an jenem dynamischen Denkmuster, das von Ernst Bloch einmal als „Traum nach vorwärts“ bezeichnet wurde. Gehmanns Vorstellung zufolge befindet sich das utopische Denken derzeit in einer neuen Entwicklungsphase: Nach einer über Jahrhunderte andauernden Tradition unterschiedlicher Sozial- und Gesellschaftsutopien tritt nun das Individuum als autonomes Ich in den Brennpunkt visionärer Ideen. Dies ist konsequent argumentiert, sind doch die Kollektivträume von einer idealen Gemeinschaft spätestens durch die Dystopien der gewalttätigen Regime im 20. Jahrhundert wie Seifenblasen zerplatzt.
    „Ou-Topos“ als ein im Wortsinn interpretierter „Nichtort“ wird folgerichtig nach innen projiziert und der von Thomas Morus erstmals formulierte Insel-Gedanke in den persönlichen Mikrokosmos jedes einzelnen verlagert. Gehmann ist sich der Gefahr, die sich dahinter verbirgt, durchaus bewusst. Nicht umsonst bezeichnet er diese Form der privaten Utopie als „hedonistisches Prinzip“. Und in der Tat kommt unwillkürlich der Gedanke an die „Libertinage“ auf, die Louis Aragon beschrieb, um jene radikale Loslösung aus jeglicher sozialer Bindung zu erläutern, die fast zwangsläufig in die Ausschweifung mündet. Ähnlich verhält es sich mit der totalen Befreiung mittels Technik, die Gehmann zufolge eine utopische Privatwelt aus Schopenhauers Wille und Vorstellung erschafft. Im evolutionären Sinne gedeutet entspricht diese Vision nicht nur einer menschlichen Entwicklung, sondern vielmehr einem maschinellen Verfahrensprozess, dessen perfektioniertes Sinnbild James Camerons Terminator darstellt. Und schließlich existiert noch der Cyberspace als eine Privatutopie im Virtuellen, auf die Gehmann zu Recht verweist. Beruft man sich auf William Gibson, der den Begriff des Cyberspace bereits Mitte der 1980er Jahre einführte, dann wird diese virtuelle Welt von so genannten „Konsolenfreaks“ bevölkert: bindungsunfähige und in eine soziale Gemeinschaft nicht integrierbare Halb-Autisten, die in den endlosen virtuellen Weiten entweder ihr Utopia oder ihr Nirwana suchen.
    Gehmanns Exkurs über den derzeitigen Stand der Utopie ist klar strukturiert, basiert auf einer inhärenten Logik und führt die einzelnen Gedankengänge stringent weiter. Auch besteht kein Zweifel, dass es gegenwärtig eine radikaIe Individualisierung im utopischen Denken gibt. Ob dies eine positive Entwicklung ist, bleibt allerdings fraglich. Schließlich basiert dieser Prozess weniger auf dem Streben nach einem idealen Endzustand im Kollektiven, als vielmehr auf der völligen Entgrenzung des Individuums. Und diese kann sich sehr schnell in die dunkle Seite der Utopie verlieren, eben jene Dystopie, durch die vor allem die Menschen des 20. Jahrhunderts enorm gelitten haben.

Leave Comment

KIT Scientific Publishing, Karlsruhe | Journal of New Frontiers in Spatial Concepts | ISSN 1868-6648
http://ejournal.uvka.de/spatialconcepts/
 
http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/