Begetting Machinery I – Von Darwin zur Kybernetik
Jun 26th, 2009 | By Andie Rothenhäusler | Category: Evolution, Sociohistorical analysis, TopicsAuthor
Andie Rothenhäusler, Institut für Geschichte, Universität Karlsruhe,
E-Mail: andreas.rothenhaeusler@stud.uni-karlsruhe.de
Fulltext
Abstract English
In the aftermath of „The Origin of Species”, several other authors of the 19th and 20th century recommended the application of new-born darwinism on the field of technology. This would happen in a metaphorical way, with the keyword „evolution” used synonymously for technological development as well as in a more ambitious try to reconcile engineering with natural sciences. At the beginning of the 21st century, the preoccupation with a possible evolution of technology is more topical than ever.
Keywords
Technological evolution, Cybernetics, History of technology, Darwinism, Evolutionary algorithm
Citation
Andie Rothenhäusler“Begetting Machinery I – Von Darwin zur Kybernetik,” Journal of New Frontiers in Spatial Concepts, ISSN 1868-6648, vol. 1 (2009), 107 – 111, Article ID http://ejournal.uvka.de/spatialconcepts/archives/943, Pages: 5


Woher kommt eigentlich der Gedanke, dass Technik etwas “unnatürliches” sei. Auch im Tierreich sehen wir, wie Werkzeuge eingesetzt werden, um gewisse Ziele zu erreichen und mir scheint, dass die Nutzung von Tools die Anpassung an einen ganz bestimmten Selektionsdruck darstellt. Des Weiteren könnte man die Akkumulation von Leben in Städten ebenfalls als evolutorischen Prozess ansehen, der zur Arterhaltung dient. Der Begriff “natürlich” ist hier mit der Vorstellung von grünen Wiesen verbunden, eben einer “unberührten Natur”. Aber ist dann der Bienenstock oder das Ameisennest ebenfalls “unnatürlich”? Nur weil der Mensch seine Baustoffe intensiver raffiniert, als dies im Tierreich der Fall ist, kann man hier wohl kaum von einem gewichtigen Unterschied sprechen. Allerdings ist der “Impact”, den unsere Technik auf die Biosphäre hat deutlich größer.
Dennoch sollte hier endlich differenziert werden. Chemie ist Natur, denn alles ist Chemie. Was wir damit machen und wie wir sie anwenden kann weitreichende Folgen haben, deshalb sind aber weder die Stoffe der Chemiker “unnatürlich”, noch ist es der Forscherdrang oder die “Schwarmbildung” von Wissenschaftlern an Universitäten. Wir sind Selektionsdruck ausgesetzt und befinden uns in einem evolutorischen Prozess. Aber wie der pavlovsche Hund werden wir kondinioniert. Und der Begriff “Natur” ist dabei – vielleicht auch archetypisch – in unserem Bewusstsein gefestigt und wird wohl noch für eine ganze Weile das idyllische Landschaftsbild einer Postkarte sein.
Asimov beschreibt in seinem Doppelroman “Die Stahlhöhlen” eine Erde, die so hochgradig technisiert ist, dass die Menschen in Megastädten wohnen und nie unter freiem Himmel leben. Deshalb wird ihnen schwindelig, wenn sie freies Land betreten und sie bekommen eine Art “zu-viel-Platz-Angst”. Vielleicht zu vergleichen, mit Kopfschmerzen und Unwohlsein in einer versmoggten Großstadt.
Die Frage, die sich mir stellt ist, ob wir vielleicht zu schnell entwickeln, zu schnell forschen und zu schnell umsetzen. Wieso kann sich der Mensch an die meiste Technik und den damit verbundenen Komfort anpassen, fühlt aber ein generelles Unwohlsein und muss immer wieder in “die Natur”, die “nicht-Zivilisation” flüchten? Und warum fühlt man sich auch in “der Natur” irgendwann nicht mehr wohl und flüchtet in die Stadt? Sind wir gefangen in einer Zwischenwelt, ähnlich der Situation einer doppelten Staatsbürgerschaft?
Für mich ist aber jedenfalls deutlich, dass Technik schnell entwickelt und dann umgehend eingesetzt wird. Eine Evaluation, Prognose oder Ratifizierung findet hierbei kaum statt. Wer wartet, der verliert Geld und Rücksicht auf Ressourcen und Natur wird nicht genommen. Und somit zerstören wir wohl beides, eine gute Technik und funktionierendes Ökosystem.
Zum Kommentar von Herrn Pawlikowski:
Der interessanteste Aspekt scheint mir der letztgenannte: Durch bestimmte Prozesse der Beschleunigung beides zu verlieren, “gute Technik” und “funktionierendes Ökosystem”. Das ist ein Aspekt, der aus meiner Sicht unbedingt weiter zu untersuchen wäre – siehe Topic Mobility, “Beschleunigung” als mittlerweile umfassender evolutionärer Modus unserer sog. Technozivilisation.
Zum Naturbegriff, und dem ihm zugrunde liegenden Verständnis von ‘Natur’: Um Postkartenidyllen geht es hier nicht, sondern zum einen um anthropologische, zum anderen um kosmologische Bedingtheiten.
Die anthropologische Bedingtheit ist die, daß wir rein biologisch gesehen Wesen sind, die nicht nur aus der Idylle einer verwilderten Postkarte stammen (sozusagen), aus einer primordialen Natur, sondern von unserer gesamten biologischen Ausstattung noch mit ihr verwachsen sind. In dem Zusammenhang geht es auch um unser denaturiertes Naturverständnis, nämlich Natur von der Vorstellung einer umfassenden, “primordialen” Natur, einer natura naturans, wegentwickelt zu haben zu einer natura naturata, einer beherrschten Masse von Nützlichkeiten, die uns vermeintlich – durch technischen Fortschritt – bis heute in unendlicher Fülle zur Verfügung steht.
Was auf die kosmologische Bedingtheit führt: Es steht uns natürlich nicht in unendlicher Fülle zur Verfügung, da eben nicht alles Chemie ist. Natürliche Phänomene auf wenige meßbare Größen herunter reduzieren zu wollen ist Ausdruck der angedeuteten natura naturata-Mentalität.
Betrachtet man beides, anthropologische und kosmologische Bedingtheit, leben wir in der Tat in einer Zwischenwelt, und die fordernde Aufgabe ist, wie wir damit zurechtkommen, vor dem Hintergrund der Beschleunigung als neuem evolutionären Modus.
Ich möchte doch nochmals klarstellen, dass wirklich alle physische Materie Chemie ist. Ebenso “ist alles Physik”. Das “Transzendente” schließe ich hierbei natürlich vorerst aus. Dass wir diese Chemie und diese Physik nicht vollkommen beherrschen können, ist annähernd immanent.
Und wir sollten uns wirklich von der Vorstellung lösen, wir seien nicht von der Natur abhängig oder nur durch unseren Ressourcenhunger an die Grenzen der Biosphäre gebunden. Warum geht der Mensch gerne in den Wald? Ich vermute die Antwort wiederum in der Evolution. Wir sind eben noch nicht so weit, dass wir auf kalten und komplett technisierten Welten leben können. Wir sind zu langsam und der Selektionsdruck Technik “zu bequem” und zu schnelllebig.